blog365

Vilnius

Die Fahrt von Druskininkai endet mit einem schönen Abend in Trakai, dem mittelalterlichen Machtzentrum Litauens.

Das mittelalterliche Bollwerk gegen die Kreuzritter in Trakai

Am nächsten Tag sind nur mehr 30 km bis Vilnius übrig, im strömenden Regen bleibt das überschreiten der 1500 km leider undokumentiert. Der Regen macht erst am übernächsten Tag wieder Pause was meinen Eindruck von der Stadt sicher überlagert.

Gotik und Barock in der Altstadt von Vilnius

Die Stadt wirkt wie ausgestorben, alle verkriechen sich, ich auch: im Museum: Das Genozid/KGB Museum, das die Besetzung durch Russland (siehe Hitler-Stalin Pakt), Deutschland und ab 1944 wieder Russland und den litauischen Widerstand zeigt. Dabei wird auch deutlich, dass der heutige Feind Russland heißt, die tödlichere deutsche Besetzung wird nur kurz gestreift.

freigelegte Farbschichten in einer Zelle des KGB Gefängnis

Im Contemporary Art Centre findet die Baltik Triennale statt mit einer tollen Videoarbeit einer georgischen Künstlerin (eines meiner Reiseziele). Der Skulpturenpark Europos Parkas 20 km außerhalb ist dagegen eher eine Enttäuschung, bis auf Sol Lewitt. OK, die alten Fernseher waren auch cool.

Sol Lewitt: Double Negative Pyramid
Information Tree

Am interessanten finde ich jedoch, was sich vor der Haustür des alten Hostels im Viertel Paupys abspielt. Hier wird ein ganzes Viertel neu gebaut, ganz offensichtlich für gutverdienende. Der Food Court im Shoppingcenter (der bei diesem Wetter zugegebenermaßen ganz praktisch ist) ist jeden Abend voll, die Altstadt dafür leer. Durch den am Berg gelegene Teil führt für mich leider kein Weg: eine Gated Community.

Vor dem Hostel
Blick vom Shoppingcenter
Kein Zutritt

Litauen, der erste

Eindruck: die gleichen unpassierbaren Radwege wie in Polen, aufgeweichte Sand- und Schotterpisten. In Osteuropa Fernradwege zu erstellen beinhaltet wohl nur die Kennzeichnung eines Streckenverlaufs, nicht aber die Nutzbarmachung desselben.

Ehemaliger Grenzübergang

Der zweite Eindruck: Ist doch anders als in Polen. Verfallende, bunte aber umso malerische Holzhäuschen am Straßenrand, freundliche Leute, die Englisch sprechen und bei einer Frage nicht davonrennen und in meinem ersten Übernachtungsort, Druskininkai interessante Architektur. Ein Kurort mit einem verrückten Mix: erwähnte Holzhäuser, stylische aber beliebige Gegenwartsarchitektur und ein paar sowjetische Perlen, darunter mitten im Zentrum die gigantische Ruine des Sanatoriums Nemunas.

alt
alt und neu

Außerdem der Gruto Parkas, wo abgeliebte sowjetische Monumente und Propaganda-Kunst aus ganz Litauen versammelt sind. Leider schüttet es aus Kübeln, ich muss wohl einen weiteren Tag bleiben um gute Fotos zu bekommen.


km fressen

Die erste Tour, bei der ich einen kleinen Fahrrad-Computer verwende, der Geschwindigkeit und gefahrene km anzeigt. Das weckt meinen Ehrgeiz: pro Tag 100 km, möglichst mit 20 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit. Mir kommt eine Idee: immer wenn die Anzeige auf die nächsten Hundert umschaltet, ein kurzes Video. Leider habe ich schon die 200 verpasst. Vielleicht einfach alle 500 km?

der Moment: die ersten 1000 km

Stand nach 14 Tagen: 1350 km und verhärtete Oberschenkel. Mit dem anstehenden Regenwetter und mehr Besichtigungsprogramm hat es mit der km-Fresserei wohl erst mal ein Ende.


Ein verbotenes Tortenstück

So präsentiert sich die Granitsäule, die das Dreiländereck Polen – Russland (Kaliningrad) – Litauen markiert. Das russische Stückchen darf nicht betreten werden!

Nochmal erklärt

Ansonsten: schöne Landschaft, dramatischer Himmel und ein später wegen Nässe kaum befahrbarer Radweg, der GreenVelo: ein „Schönwetter-Fernradweg“.

Störche, meine stetigen Begleiter
Landschaft ist schön, macht aber viel Arbeit


Eigentlich

also in einer Welt ohne Corona und mit Visavergabe für das russische Königsberg/ Kaliningrad wäre ich heute in Litauen auf der Kurischen Nehrung. Stattdessen muss ich Kaliningrad um- und durch Nordmasuren radeln und folge jetzt grob dem polnischen Green Velo Fernradweg. Schon über 1000 km seit Berlin. Ich verlasse den Weg und besichtige das „Führerhauptquartier“, die Wolfsschanze. Neben den geisterhaften überwachsenen Bunkerruinen bezieht der Ort seine Spannung aus der Frage: Würde die Welt (oder Europa) heute anders aussehen wäre das Attentat vom 20. Juli 1944 geglückt?

Nachstellung des Attentats