oliver hartung — photographer

Nachtrag zu Helsinki

Es mag seltsam klingen, aber Helsinki erinnert mich von der Architektur sowohl an Stuttgart als auch an Glasgow. Mit erster Stadt gemein ist der gelegentlich schmutzige Rauputz der Fassaden und die Fundamente aus grobem Naturstein, mit zweiter der etwas düstere und klobige nordische Jugendstil und mit beiden die stellenweise hügelige Topografie, z. B. im Viertel Katajanokka, wo mein Hostel ist.

Der klassizistische Senatsplatz im Zentrum
Bahnhof , nationalromantischer Stil
Schriftzug Jugendstil

Das Hostel ist auch der günstigste Posten, alles andere ist etwa zweimal so teuer wie in Deutschland, jetzt kann ich mir gut vorstellen wie es ist, als Lette oder Pole in Deutschland Urlaub zu machen.

Im Hostel gibt es auch zwei, nach Geschlechtern getrennte Saunas, für die Finnen ein ganz wesentlicher und spiritueller Teil ihres Lebens, wie ich später im Nationalmuseum erfahre. In der Sauna ist es fast dunkel, dafür sehr kommunikativ, wer hat nimmt ein Bier mit hinein. Ausgeruht wird ganz pragmatisch auf der Bank der Umkleide, aus dem Lautsprecher dazu der passende Soundtrack: knarrendes Holz, peitschende Birkenzweige, das öffnen einer Bierflasche und passende Trinkgeräusche. So animiert, geh ich nach der Sauna mit einem Finnen und einem Norweger in eine Kneipe um ein doppelt teures Bier zu trinken.

Nationalmuseum
Felsen mitten in der Stadt

Der Norweger, für den sein Getränk eher günstig ist, schreibt an einem Bühnenstück über die Schöpferin der Mumins, Tove Jansson. Über die hatte ich vor einer Woche eine Ausstellung im Museum HAM gesehen. Die Mumins kommen in Finnland gleich nach der Sauna. Finnisches Essen habe ich leider nicht kennen gelernt, aber da Finnen nie finnisch essen (so ein anderer Finne), habe ich wohl einiges richtig gemacht.

Die Mumins

Ansonsten hat sich Helsinki vor kurzem eine avantgardistische Zentralbibliothek geleistet, ganz in der Nähe von Alvar Aaltos Finlandia Halle. Was schön ist: Helsinki besteht aus ganz vielen Inseln, das Meer ist also immer um die Ecke und zur Zeit findet die Biennale statt, auf einer Insel. Die Überfahrt erinnert ein wenig an die Biennale in Venedig, die Ausstellung selbst ist deutlich bescheidener. In Erinnerung bleiben die Installationen von Alicja Kwade. Dazu für meine letzten Tage tolles Licht und Wolkenstimmungen, aber mit 12 Grad und scharfem Wind etwas kalt. Zeit zu gehen.

Zentralbibliothek
Treppenaufgang in der neuen Zentralbibliothek
Museum Amos Rex
Helsinki Biennale: Alicja Kwade
ebenso
Dagegen hat es die Kunst nicht leicht

Inseln, Seen, Naturbeobachtungen

Der Archipelago Trail südlich von Turku ist ein Rundkurs und verbindet mehrere Inseln mittels Fähren. Das hat den Vorteil, dass man als Radfahrer die Straße eine Weile für sich hat, wenn die Fahrzeuge erst mal durch sind (bis die nächste Fähre wieder eine Ladung ausspuckt).

Die Archipelago Route von Turku aus

Auf einer der Fähren versucht mich ein chinesischer Missionar von seiner fundamentalistisch-evangelikalen Gesinnung zu überzeugen (der Mondstaub kann, wissenschaftlich nachgewiesen, erst wenige Tausend Jahre alt sein!). Leider will sich John, so sein Name, nicht fotografieren lassen.

Auf einer der gelben Fähren

Am Ende des ersten Tages wartet ein kleiner Campingplatz gleich neben einem Fähranleger.

Abends
und am Morgen

Das Wetter passt, die Landschaft ist interessant, die Straßen sind frei, auf einer kurzen Wanderung überrasche ich Rotwild (einen Elch hätte ich zu gerne gesehen), doch so ganz entspannt bin ich nicht, bleibt doch immer die Frage ob man die nächste Fähre bekommt oder warten muss. Mein sportlicher Ehrgeiz siegt und der Rundkurs ist nach zwei Tagen absolviert und da mein anvisierter Campingplatz am Tag davor geschlossen hat, finde ich mich allzuschnell in einer schlichten, aber teuren Unterkunft in meinem Ausgangspunkt Turku wieder.

Rückfahrt aufs Festland

Von Turku selbst bleibt mir nur der Dom und ein scharfes chinesisches Essen in Erinnerung.

Aus Versehen das alkoholfreie Bier erwischt

Ich nehme mir für die Fahrt zurück nach Helsinki mehr Gelassenheit und Naturnähe vor, beides gelingt. Ich zelte wild und einsam im Nationalpark Tejo.

… und eine weitere Nacht an einem See und genieße die vorerst letzten drei Tage Fahrrad fahren und das sonnige Wetter. Südwest Finnland hat keine großen Erhebungen, ist aber durchgehend hügelig. Fünf Tage lang Anstiege und Abfahrten. Mich beeindrucken vor allem die riesigen, von Moos und Flechten überwachsenen Findlinge oder Felsen. Auch die letzten 30 km vor Helsinki, fast immer direkt entlang der Küste sind toll. Insgesamt viel Zeit für die Beobachtung von Natur und Licht.

Der Holzsteg bietet die einzige ebene Fläche zum Zelten, schön ist der Platz auch
Leider nicht mein Fang
Begegnung mit einem furchtlosen, aber etwas verloren wirkenden kleinen Genossen

Der Archipelago Trail

Morgen starte ich von Turku aus (erst per Bus von Helsinki nach Turku) kurz entschlossen auf den Archipel Rundkurs, obwohl ich erst einen Tag in Helsinki verbracht habe. Grund ist, dass übermorgen, am Sonntag, 29.8. die Sommersaison zu Ende geht und eine der acht Fährverbindungen eingestellt wird. Mal schauen ob es klappt. Zumindest die Wettervorhersage sieht gut aus. Bericht folgt dann. Wer sich schon mal informieren will, hier der link:

https://visitparainen.fi/en/route-description/

Überfahrt nach Helsinki

Überfahrten sind doch irgendwie ein kleines Abenteuer. Zwischen den ganzen LKWs im Bauch der Riesenfähre.

Ankunft in Helsinki, gleich in zweiter Reihe hinter den Harleys
Grau aber idyllisch, Blick vom Fährhafen
Das weltberühmte finnische Design

Kunst in Tallinn

Die Stadt hat die besten Museen im Baltikum und da es ausdauernd regnet bleibt auch wenig sonst zu tun. Fünf Museen an anderthalb Tagen mit wirklich tollen Ausstellungen. Hier ein kleines Potpourri meiner Favoriten.

Im Kadriorg Palast eine Ausstellung mit Werken der Renaissance aus Antwerpen
In jedem Raum ein schöner Kachelofen
Aus dem Kuriositätenkabinett
Das KUMU mit toller Architektur außen
und innen
Russische Avantgarde 1920er
“The greatest happiness of all is to grow and study in a soviet school”, 1952
Adbusting
Das richtige Outfit zur Ausstellung
Auf dem Fußboden der Herrentoilette die Vision eines Kindergesichts (Kinnpartie)

Wenn Tallinn

für ganz Estland steht, dann ist das Land deutlich wohlhabender als seine baltischen Nachbarn. Das merkt man an den Preisen, die auf westeuropäischem Niveau sind, vor allem aber auch an den modernen und restaurierten Stadtvierteln, die ebenso interessant sind wie die wirklich schöne Altstadt. Estland ist auch bekannt für seine Internet und Startup Szene, da kommen die Hipster wohl gratis dazu.

Altstadt
Mittelalterliche Gasse
Rotermann Viertel
Telliskivi Startup und Hipster Viertel
Im Viertel Kadriorg
Die Ruine der sowjetischen Linnahall Mehrzweckhalle

Von Riga nach Tallinn

Die Strecke bietet mal wieder Gelegenheit zum Zelten sowie schöne Küstenabschnitte. Allerdings droht schlechtes Wetter, deshalb muss es dann in Estland schnell gehen und die letzten 50 km vor Tallinn mit dem Zug (das erste Mal auf der Tour), dafür muss die schöne Westküste dran glauben.

Von Riga nach Osten fährt man Kilometer lang an Trabantenstädten vorbei, nicht jeder wohnt also im schmucken Jugendstil Altbau.

Der Abstecher über Sigulda streift den Gauja Nationalpark, dann geht es durchs Landesinnere nach Norden, an der Küste müsste man Autobahn (etwa wie Bundesstraße) fahren. In einem Garten stehen Maler an der Staffelei und ich stoppe. Der Kunstkurs findet neben dem Museum eines lettischen Komponisten (Emilis Melngailis) und einer Scheune mit einer ethnografischen Sammlung bäuerlicher Objekte statt (private Führung durch den Sammler inbegriffen).

Abends bin ich der einzige Camper an einem See. Viel Gelegenheit, Licht und Motive über Stunden zu beobachten, hier eine Auswahl.

Abends
und am nächsten Morgen

Am nächsten Tag geht es endlich an der Küste entlang, 30 km auf einer stillen Nebenstraße, gefolgt von weiteren, leider alternativlosen 30 km auf dem 50-100 cm breiten Randstreifen der Bundesstraße. Da heißt es den Lenker gut festhalten wenn man in den Sog der vorbei rasenden LKWs gerät. Fotos gibt es davon deshalb keine. Insgesamt über 140 km an diesem Tag.

Übernachtung in einem Garten unter Apfelbäumen in Pärnu, der estnischen Sommerhauptstadt, die zahlreichen, aber leeren Restaurants zeigen das Ende der Saison an.

Privater Campingplatz in Pärnu

Der nächste Tag ist hart. 12 Grad und kalter Gegenwind mit gelegentlichem Nieselregen, zum Teil wieder entlang der Bundesstraße und über Feldwege. Nach 100 km mache ich schlapp und überwinde das fehlende Stück bis Tallinn mit dem Bummelzug.

Heute

vor genau einem Monat, am 21. Juli bin ich von Berlin aufgebrochen. Inzwischen fühlt es sich hier in Lettland nicht mehr nach Sommer an, die Temperaturen werden kommende Woche nur noch um die 15 Grad betragen. Morgen, Sonntag geht es Richtung Estland/ Tallinn. Ab Mittwoch ist Dauerregen vorhergesagt, möge sich die Vorhersage da bitte irren. Aber heute, zur Feier des Tages gab es erst mal neue Fahrrad Handschuhe!

Die Hauptstadt des Jugendstils

Angeblich um die 800 Gebäude im Jugendstil soll es in Riga geben, manche reihen sich renoviert in teuren Prachtstraßen aneinander, andere warten grau und unscheinbar auf meine Entdeckung. In der Altstadt, dem touristischen Zentrum auch Gotik und Barock. Außerdem: der Zentralmarkt mit seinen fünf Hallen, die ursprünglich (woanders) deutsche Luftschiffe beherbergten, Museen und nahe meiner Unterkunft (diesmal Hotel) ein echter sowjetischer Kulturpalast.

Hinterhof-Monster und Kulturpalast
auf dem Zentralmarkt
Altstadt: drei Brüder
Rigaer Jugendstil
Kunst mit Botschaft
hinten der Fernsehturm von Riga mit Regenbogen

Richtung Riga

geht es über einen Umweg immer an der Küste entlang, über Ventspils und in einem großen Bogen über Kap Kolka.

Es sind regnerische Tage, nach Liepaja übernachte ich auf einem wunderschönen Campingplatz am Meer.

Nach Ventspils ist es dann nur eine kleine Etappe, ich komme bereits um die Mittagszeit an, allerdings völlig durchnässt. Die Hafenstadt habe ich mir ähnlich interessant vorgestellt wie Liepaja, sie ist aber eine Enttäuschung. Einziger Höhepunkt ist der Besuch der leeren Hafenkantine mit sowjetischen Gerichten am Mittag und abends des Restaurants „Judas Priest“ (seltsamerweise das erste Restaurant im Baltikum, indem keine laute Musik läuft). Es regnet den Großteil der Nacht und den Vormittag in Strömen. In meiner Unterkunft, einem günstigen Mini-Apartment in einer Garage kommt Wasser unter der Tür durch.

Glück für 3,85
Wer hat den Text gelesen? Name des Restaurants?
Wäsche trocknen dank Hirschgeweih

Um 10:30 macht der Regen Pause. Erstes Tagesziel ist Kap Kolka, 85 km einsame Straße ohne Ortschaften, angetrieben durch Rückenwind und dunkle Wolken bin ich nach vier Stunden da. Hier treffen sich zwei Meere, sichtbar am Wellengang und dem wilden Ufer. Nach weiteren 40 km mit Schauern erreiche ich am Abend wieder einen schönen kleinen Campingplatz am Meer.

Kap Kolka, von links die Ostsee, von rechts das Meer der Rigaer Bucht
nächster Campingplatz am Meer

Ab jetzt gibt es jede Menge Unterkünfte und Verpflegungspunkte bis Riga. Plan: ich fahre so weit ich komme. Mit vielen Kaffee-, Regen- und Essenspausen dann tatsächlich am gleichen Tag bis Riga. Bemerkenswert ist noch Jurmala wegen der schönen alten Sommerhäuser, der neuen protzigen Villen und dem harten Sandstrand auf dem man mit dem Rad fahren kann.

Kaffeeautomat an der Straße
alt reich
neu reich
mit Regenbogen